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E-Learning Dossier Ausgabe 2009/06
Editorial
Liebe Leserinnen und Leser!
Unser aller Interesse, wie E-Learning aus der Sicht der Studierenden und der Lernenden betrachtet wird, ist gross. Es stellte sich jedoch damit auch die Frage, inwiefern beim Einsatz mediengestützten Lehrens und Lernens auch die Bedürfnisse der Studierenden berücksichtigt werden.
So bringt es auch Damian Miller in diesem Dossier auf den Punkt, indem er schreibt: «Auch wenn das Leitthema, E-Learning aus der Sicht der Studierenden zu betrachten, würdigenswert ist, so erwirbt man sich aber kaum Verdienste damit. Ein Blick in die Geschichte institutionalisierten Lernens zeigt, dass die Erfahrungen, Feedbacks und die Sicht der Lernenden - als der Hauptakteure in Bildungsprozessen - kaum Gegenstand systematischer Reflexionen oder des Diskurses zu Lehren und Lernen waren und sind.»
Doch dieser Umstand sollte sich ändern. Als der Hype ums Web. 2.0 auch in Bildungsinstitutionen einzog und gleichzeitig vielerorts die Hypothesen einer «Net Generation» genährt wurden, deren Protagonisten eine neue Lernergeneration postulierten, wo alles anders sei, und zwar so grundlegend anders, dass man neue Konzepte für die Lehre benötige, wurden zwei Phänomene zeitlich miteinander in direkte Verbindung gebracht.
Dies ist insbesondere bei der Net-Generation-Diskussion kritisch zu betrachten, weil es in der Literatur über die Netzgeneration von Behauptungen über die Fähigkeiten und Einstellungen der Jugendlichen nur so wimmelt, aber keine wirkliche Kompetenzanalyse der Jugendlichen durchgeführt worden ist. (Schulmeister, 2008)
Bis zu dem Zeitpunkt, d.h. zu Beginn 2008, lagen also im deutschsprachigen Raum kaum aussagekräftige Studien zur Web-2.0-Nutzung im Hochschul-studium vor. Der Zeitpunkt war insofern gut gewählt, eine breitflächige empirische Bestandesaufnahme zur Beantwortung der Fragen durchzuführen, wie beispielsweise Studierende an deutschen Präsenzhochschulen E-Learning einerseits und Web-2.0-Anwendungen im Studium andererseits wahrnehmen, nutzen und beurteilen (Kleimann/ Göcks). Das Interesse war vielerorts gross, dieses Phänomen stärker zu beleuchten, und so folgten nebst der bekannten Hisbus-Studie zahlreiche Studierendenbefragungen an Universitäten und Hochschulen, u.a. auch an der Universität Zürich (Rohs), wie auch dieses Jahr eine Befragung an österreichischen Hochschulen (Jadin/Zöserl) folgte. In der Schweiz läuft eine explorative Langzeitstudie zu «Lernstrategien und neuen Medien» (Oelkers/Metzger/Miller et al.).
Befragt wurden Studierende aber zunächst u.a. zur Internetnutzung, zur technischen Infrastruktur und zur Softwarenutzung, zu Häufigkeiten, zur Verwendung von verschiedenen Anwendungen und Programmen beim Lernen, zu Social Communities, Wissens- und Informationsplattformen, zur Nutzung und Beurteilung von E-Learning-Angeboten und von Web-2.0-Anwendungen oder zur generellen Zufriedenheit von Angeboten.
In diesem Zusammenhang kritisierte Schulmeister in seinem Essay: «Gibt es eine Net Generation?», die Art der Befragungen selbst, die einen Vergleich zwischen den Studien nicht wirklich zulässt: Ein grober Fehler besteht für ihn darin, «dass in vielen Studien die Mediennutzung allein und nicht im Rahmen aller Freizeitaktivitäten betrachtet wird, ... dass einige Studien nicht alle gegenwärtig relevanten Medien in die Untersuchung einbeziehen, ... dass nicht in allen Fällen zwischen a. Mediennutzung (Gerät), b. Mediennutzung (Dauer, Frequenz) oder c. Mediennutzung (Art, Funktion, Gattung, Inhalt) unterschieden wird, ... dass die Rangfolge der Mediennutzung mal durch die Häufigkeit der Nutzung, mal durch die Dauer in Stunden, mal durch die abgefragte Rangposition usw. ermittelt wird». Für Schulmeister müssen zusätzlich zur Mediennutzung (Art) die Mediennutzungsfunktionen und Nutzerinteressen berücksichtigt werden. Die Mediennutzung an sich ist ein für ihn untaugliches Indiz für die Existenzbehauptung. So schreibt er: «Die Mediennutzung - gemessen als Dauer und Frequenz der Nutzung eines Mediums, im Fall der Generationenthese des Computers und des Internets, unabhängig von der Einsicht in die Inhalte der Nutzung - ist kein hinreichender Nachweis für die Behauptung einer neuen Generation mit anderen Einstellungen.»
Auch wenn Web.-2.0-Anwendungen zurzeit nur marginal von Studierenden im Lernalltag genutzt werden, so interessieren sie sich durchaus für das E-Learning-Angebot; immerhin nutzen (in der Hisbus-Studie) allein 93% aller Studierenden die angebotenen lehrveranstaltungsbegleitenden Materialien. Etwas anders sieht es im Bereich der studiumsbezogenen Web-2.0-Nutzung aus. Hier sind die Zahlen in der Tat gering. Wikis gelten als die am weitesten verbreitete Web-2.0-Applikation - an vielen Hochschulen werden sie jedoch nicht angeboten. Und die Nutzung von Web 2.0 (insbesondere von Social Communities) erfolgt überwiegend privat und nicht zu Studienzwecken. Die Selbstdarstellungs- und Netzwerkfunktionen des «Social Web» stellen primär eine Bereicherung privater Kontaktpflegemöglichkeiten dar und qualifizieren es nicht vorrangig als Arbeits- und Studieninstrumentarium. (Kleimann/Göcks)
Die Ergebnisse der zwischenzeitlich veröffentlichten Studien, Befragungen und Statistiken sind erstaunlich ernüchternd und auch keineswegs so erstaunlich, wie ihre Erheber letztlich zum Schluss kommen. Auf jeden Fall hält die Mystifizierung einer «Generation @» der wissenschaftlichen Untersuchung nicht stand. Damit ist aber der Fokus nur auf jene Schlagzeilen gerichtet, die einst als Behauptungen oder Mythen in die Welt gesetzt worden sind, und es ist noch lange nicht alles gesagt.
Die Studien zu E-Learning sind sehr umfangreich angelegt. Es lohnt sich demnach, sich ausführlich mit den Ergebnissen zu beschäftigen, die mittelbar über die Studien den Studierenden Gehör verschaffen. Sie ermöglichen uns auch, ein Stück weit mehr über die Zufriedenheit der Studierenden im E-Learning-Alltag zu erfahren. Sie versetzen uns ebenso in die Lage, Unbefriedigendes am jetzigen Zustand zu erkennen und Lösungsvorschläge
zu dessen Veränderung zu diskutieren.
Womit wir auch bei der Fragestellung dieses Dossiers sind: Welche Konsequenzen haben Ergebnisse aus Studien, Befragungen und Berichten für die weitere strategische Planung von E-Learning und Web-2.0.-Medien an Hochschulen?
Wir haben dazu namhafte Autorinnen und Autoren befragt, die Studien erhoben haben oder daran beteiligt gewesen sind, und streifen damit auch, neben E-Learning und Web-2.0-Anwendungen, Themen wie die Medien- und die Informationskompetenz heutiger Studierender. Die Ergebnisse der Studien werden im Dossier nicht nochmals dargelegt, wie man vielleicht erwarten würde, sondern es geht vielmehr darum, von den Autoren Rolf Schulmeister, Bernd Kleimann und Marc Göcks, Gabi Reinmann, Damian Miller, Matthias Rohs, sowie Tanja Jadin und Eva Zöserl in Beiträgen oder Interviews zu erfahren, wie sie diese Ergebnisse interpretieren und was dies für die Hochschul-bildung aus ihrer Sicht bedeuten wird oder kann.
Hinweise auf die jeweiligen Studien selber sind in allen Beiträgen so platziert, dass Sie als Leser oder Leserin gar nicht umhin können, sich auch diese im Netz herunterzuladen, falls Sie dies nicht schon getan haben. Die jeweiligen Introtexte zu den Beiträgen wurden von der Redaktion erstellt. Alle Literaturhinweise befinden sich in dieser Ausgabe am Ende des Dossiers.
Wir wünschen Ihnen nun viel Vergnügen beim Lesen!
Andrea Helbach
Zu Weihnachten 2009 schenken wir Ihnen eine Serie von 11 Illustrationen «Digital Natives» von Julia Marti. Die Illustrationen können separat auf der Website, im Inhaltsverzeichnis des Dossier #06, heruntergeladen werden.
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